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USA Erklärt

Der faktische Hintergrund, freundlich erklärt

Subscribe | Retrun to feeds | Users subscribed: 2 | Last Updated: Jan 04 2009, 13:26:51

Die furchtbaren Auswirkungen der Zombie-Apokalypse auf die englische Rechtschreibung

04 Jan 2009 12:08:55 | Scot W. Stevenson | Eintrag | Comments

Zum Jahresauftakt befassen wir uns mit einem Computerspiel, denn Spaß muss sein. Dieser Autor mag am liebsten eigentlich ultra-komplizierte Strategie-Titel wie Civilization IV. Aber als Teil einer Generation, die sich seit frühster Jugend der sozialethischen Desorientierung hingegeben hat, spielt er gelegentlich auch first person shooter (FPS).

[Fußnote: Die Bezeichnung 'Ego-Shooter' - also 'Ich-Schießer' - ist eine deutsche Erfindung. Sie ist für Angelsachsen fürchterlich verwirrend, denn im Englischen bezeichnet ego zunächst ein (übersteigertes) Selbstwertgefühl, wie wir von Zaphod Beeblebrox wissen:

If there's anything more important than my ego around, I want it caught and shot now.

Da ein Gefühl nicht schießen kann, wird der Begriff analog zum deer hunter oder cop killer so verstanden, dass das Ego nicht der Schütze, sondern das Ziel ist. Ein 'Ego-Shooter' wäre damit eine radikale Form der Psychotherapie, was höchstens zutrifft, wenn man an die Katharsis-Theorie glaubt.

Außerdem sind ego, id und super-ego die englischen Begriffe für Ich, Es und Über-Ich aus der Psychoanalyse. Deutsche Berichte über FPS werden für Amerikaner und Briten daher unfreiwillig komisch wenn darauf hingewiesen wird, dass id Software die berühmtesten 'Ego'-Shooter herausgebracht hat. Das alles zeigt, wie wichtig es ist, auf sein Über-Ich zu hören und Scheinanglizismen zu vermeiden.]

Allerdings benötigt dieser Autor bei solchen Spielen selbst für ganz kleine level ewig. Das liegt nicht nur daran, dass er mit einer Familie, einem Job, diesem Blog und einem gewissen Schafbedürfnis einfach nicht die Zeit für die XP-Partition hat. Zum großen Spaß bei einem FPS gehört für ihn, die Ebenen komplett zu erforschen, sämtliche Winkel auszukundschaften und alles zu sehen, was sich die Programmierer ausgedacht haben. Er ist, wie ein genervter Bekannter es einmal formulierte, so etwas wie ein Cyber-Krisentourist.

Der neu erschienene Shooter Left 4 Dead (L4D) löst daher bei ihm gemischte Gefühle aus. Zwar haben die Macher sehr zu seiner Verzückung beschlossen, den Hintergrund der Zombie-Apokalypse und Hinweise auf den Spielverlauf durch Unmengen an liebevoll gemachter Graffiti zu vermitteln. Da L4D aber kein klassischer FPS wie Doom oder Far Cry ist, sondern ein survival shooter, kann man die Ebenen nicht freiräumen, um danach alles in Ruhe zu erkunden. Die KI - genauer, The Director - generiert ständig neue Wellen von Gegnern.

Das ist nervig. Wie soll man sich bitte auf einen Nietzsche-Text an der Wand des Flughafen-Terminals konzentrieren, wenn alle paar Minuten eine neue Horde von schreienden Untoten versucht, einem das Fleisch von den Knochen zu reißen? So kann man doch nicht arbeiten!

Bis dieser Autor ein ausreichend wehrhaftes Lese-Erlebnis zustande bringt, muss er sich mit der Graffiti in den Schutzräumen begnügen. Zum Glück sind die eine Fundgrube. Da wäre zum Beispiel dieser Hinweis [JPG]:

Move during the day
They only come out at night

Dadrunter steht folgender Kommentar (Hervorhebung hinzugefügt):

Thats vampire’s
Moron!!

Ein oder zwei gepflegte Gemetzel später finden wir [JPG] in einem anderen Raum eine Diskussion darüber, ob die Regierung - die der USA, versteht sich, wir sind hier nicht bei World War Z - oder das Militär für den Ausbruch verantwortlich ist. Oder geht er nicht doch vielleicht auf einen Virus zurück, das von Außerirdischen gezüchtet wurde? Auf die Frage What if this was first contact? folgt:

What if your an idiot?

Eigentlich müsste es natürlich that’s vampires und what if you’re an idiot heißen. Aber Valve hat sich bei L4D die Mühe gemacht, bei der Graffiti die Wortwahl und Rechtschreibung an das wirkliche Leben anzupassen. In einem Spielbericht, den dieser Autor leider nicht wiederfindet, wurde spöttisch davon gesprochen, dass die Überlebenen “wie im Internet” schreiben. Bestimmt ist das eine Folge der sozialethischen Desorientierung. Die BPjM hat es ja gleich gewusst.

Wir erwähnen das hier, weil dieser Autor häufig von (wahlweise) verunsicherten, verwunderten oder erbosten Deutschen auf irgendwelche englischen Texte angesprochen wird, in denen es offensichtliche Rechtschreibfehler gibt. Dass nicht jeder Muttersprachler alle Regeln beherrscht, ist eigentlich keine große Erkenntnis. Nicht umsonst gibt es für Deutsche Dinge wie den Zwiebelfisch.

Wer aber eine Fremdsprache erlernt, muss zwangsläufig erstmal davon ausgehen, dass die Eingeborenen wissen, was sie da tun. Ist das nicht der Fall, tritt ein Schockzustand ein, weil das Gefühl der Sicherheit weg ist. Das war aber eh trügerisch. Dieser Eintrag ist damit auch eine Bitte, diesen Autor nicht mehr auf solche Fälle anzusprechen. Sonst wird er nie ein hunter punter.

Fairerweise muss man sagen, dass das Problem in der jetzigen Größenordnung neu ist. Früher hatte man als englische Quellen außerhalb der Schule nur Zeitungen oder Bücher, Medien also, die von Profis geschrieben wurden. Über das Internet haben Deutsche aber jetzt Zugang zu englischsprachigen Foren und Blogs, in denen ihre Gegenüber nicht weniger Fehler machen als Germanen in ihrer eigenen Sprache.

(Umgekehrt gilt das natürlich auch für Amerikaner, die Deutsch lernen. Die erwarten zum Beispiel ganz naiv ein Genitiv-s. Nach dem Kontakt mit der Wirklichkeit muss man dann erstmal erklären, dass der Dativ der Tod des Genitivs ist.)

Ein Ratschlag: Wer viel mit englischen Texten zu tun hat, besonders von Leuten, die nicht von Berufs wegen schreiben, sollte sich die Mühe machen, sich die häufigsten Fehler von Muttersprachlern auszuschauen. Neben dem Kampf mit dem Apostroph in allen Ausführungen sind andere häufige Probleme Verwechselungen wie accept/except, affect/effect oder truely/truly.

Unterhaltsamer als Lexika sind dazu Podcasts wie Grammar Girl oder Bücher wie Accomodating the Brocolli in the Cemetary [sic], wo auf den geschichtlichen Hintergrund und berühmte Verschreiber eingegangen wird. Bei Accomodating finden wir auch eine Liste der Wörter (oder heißt es doch “Worte”?), die von Angelsachsen im Internet überdurchschnittlich häufig falsch geschrieben werden. Die ersten Einträge aus der sehr langen Liste lauten:

minuscle
millennium
supersede
accommodation
irresistible
ecstasy
embarrass

Und das bringt uns zurück zu L4D. Denn der (bislang) beste Spruch [JPEG] an einer Wand findet sich knapp über den Fußboden in ganz kleiner Schrift unter einer Diskussion darüber, wer die wirklichen Monster sind, die Menschen oder die Zombies:

I miss the internet.

Dumm nur, dass Internet ein Eigenname ist und groß geschrieben werden muss.

([1] Accomodating Brocolli in the Cemetary (or why can’t anybody spell?) Vivian Cook, Profile Books 2004)


Krankenversicherungen und blutende Amerikaner vor der Notaufnahme

30 Dec 2008 15:09:48 | Scot W. Stevenson | Eintrag | Comments

Der zukünftige Präsident Barack Obama hat eine umfassende Reform des Gesundheitssystems zu einem zentralen Ziel seiner Regierung erklärt. Das zeigt, wie richtig unsere Entscheidung war, das Thema erstmal nicht aufzugreifen. Wenn der Kongress die benötigte Summe von mindestens 60 Milliarden Dollar aufgetrieben hat, können wir immer noch einsteigen.

Allerdings wird dieser Autor insbesondere von in den USA lebenden Deutschen ständig, anhaltend und mit Nachdruck aufgefordert, wenigstens ein Vorurteil aus der Welt zu schaffen: Dass amerikanische Krankenhäuser Menschen ohne Versicherung bei Notfällen nicht behandeln. Offenbar müssen sich Exil-Germanen ständig von ihren zu Hause gebliebenen Verwandten und Bekannten anhören, dass Amerikaner reihenweise auf dem Bordstein vor der Notaufnahme verbluten, weil die Ärzte sie ‘rausgeworfen haben.

Diese Vorstellung zeugt von einem erstaunlichen Mangel an Zynismus gegenüber der modernen Mediengesellschaft. Wenn dem tatsächlich so wäre, würden solche Fälle wie Verfolgungsjagden live im Fernsehen übertragen, auf DVDs mit Titeln wie Best Hospital Curb Deaths 2008 verkauft und auf YouTube gesammelt. Es würde (mindestens) eine Reality Show dazu geben, vielleicht direkt vor dieser MTV-Serie über leichtbekleidete bisexuelle Zwillinge auf Liebessuche. In Horror-Shootern spekulativen Computersimulationen wie Left 4 Dead findet man nicht umsonst die größten Zombie-Horden im Krankenhaus selbst und nicht auf der Straße davor. Das wäre ja auch zu einfach.

Also, einmal ganz ausdrücklich: Natürlich werden alle Notfälle im Rahmen des health care safety net behandelt. Konkret wird das durch ein Bundesgesetz geregelt, dem Emergency Medical Treatment and Active Labor Act (EMTALA):

Any patient who “comes to the emergency department” requesting “examination or treatment for a medical condition” must be provided with “an appropriate medical screening examination” to determine if he is suffering from an “emergency medical condition”. If he is, then the hospital is obligated to either provide him with treatment until he is stable or to transfer him to another hospital in conformance with the statute’s directives.

Wir erinnern uns daran, dass die Gesundheit eigentlich Ländersache ist, was wir am Beispiel der Pflichtversicherung in Massachusetts gesehen hatten. Entsprechend gehen die Gesetze in einigen Bundesstaaten noch über EMTALA hinaus.

Tatsächlich ist diese Behandlungspflicht der Krankenhäuser einer der Gründe für die horrenden Kosten des amerikanischen Gesundheitssystems - bekanntlich gibt kein Land mehr Geld pro Kopf auf diesem Sektor aus als die USA. Denn wenn die Patienten in der Notaufnahme nicht zahlen können, müssen die Träger der Krankenhäuser selbst für die Behandlungskosten aufkommen.

Wenn wir schon mal dabei sind, und weil es bei der Diskussion über das neue System eine Rollen spielen wird, hängen wir noch etwas Hintergrund dazu an.

Fast 46 Millionen Menschen in den USA haben keine Krankenversicherung (Deutschland: knapp 200.000). Direkte Vergleiche mit anderen Industriestaaten sind schwierig, denn die meisten von ihnen haben nicht 11,3 Millionen illegal eingewanderte Menschen in ihren Reihen - das entspricht der Gesamtbevölkerung von Kuba. Zudem kann man in amerikanischen Krankenhäusern auch direkt bezahlen. Deswegen beschließen einige Leute, das Risiko auf sich zu nehmen und keine Versicherung abzuschließen, obwohl sie sich eine leisten könnten.

(Massachusetts versucht mit einer Strafsteuer [PDF] von bis zu 912 Dollar, diese Leute zu einer Teilnahme zu bewegen. Wie Obama mit ihnen umgehen wird, ist unklar. Zwar hat er sich im Wahlkampf gegen eine Versicherungspflicht (individual mandate) für Erwachsene ausgesprochen. Sein zukünftiger Gesundheitsminister Tom Daschle hält sie aber für absolut unumgänglich. Auch Hillary Clinton hatte im Vorwahlkampf eine Zwangsteilnahme gefordert und erklärt, ansonsten würden 15 Millionen US-Bürger weiter keine Versicherung abschließen.)

So oder so reden wir von mehreren Millionen Menschen in den USA, die gerne eine Versicherung hätten, sich aber keine leisten können. Sie gehen entsprechend selten zum Arzt und verschleppen damit Krankheiten so lange, bis sie akut werden. Dann bleibt ihnen nur noch die “kostenlose” Notaufnahme:

[M]any of the uninsured people who arrive in America’s hospital emergency departments are in terrible shape. Emergency physicians say they have delayed needed care, live with more serious medical conditions and are more likely to die before their time than those with health insurance.

Inzwischen gibt es für 55 Prozent der Notfälle keinen finanziellen Ausgleich. Der entsprechende Betrag für diese uncompensated care allein für die kommunalen Krankenhäuser stieg von 6,1 Milliarden Dollar im Jahr 1983 bis 2004 auf 40,7 Milliarden Dollar. Auch die Wartezeiten in der Notaufnahme haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.

Selbst man den humanitären Aspekt völlig ignorieren würde, ist klar, dass diese Leute früher behandelt werden müssen, bevor ihre Krankheiten ein fortgeschrittenes Stadium erreicht haben (a stitch in time saves nine, sagt man dazu auf Englisch). Sonst bricht das System zusammen.

Allerdings gibt es Widerstände gegen einen zu radikalen Umbau. Der Grund dafür ist einfach, wenn auch erfahrungsgemäß in Deutschland wenig bekannt: Die Leute, die versichert sind - die anderen 260 Millionen Amerikaner - sind mit den Leistungen des Gesundheitssystems hochzufrieden [PDF].

Among insured Americans, 82 percent rate their health coverage positively. Among insured people who’ve experienced a serious or chronic illness or injury in their family in the last year, an enormous 92 percent are satisfied with their care, and 87 percent are satisfied with their coverage.

Den größten Unmut gibt es über die Kosten. Entsprechend betonte Obama im Wahlkampf immer wieder die finanzielle Seite, sprach von affordable healthcare, stellte mehr Transparenz und Effizienz in Aussicht und versprach eine Entlastung pro Familie von “typischerweise” 2,500 Dollar.

Für die kommende Diskussion sollte man daher im Kopf behalten: Auch wenn eine Mehrheit der Amerikaner eine einheitliche, landesweite Krankenversicherung befürwortet, ist das politische Mandat für einen völligen Umbruch nicht wirklich gegeben. Das Ziel dürfte daher eher sein, das System effektiver zu machen und mehr Menschen daran teilhaben zu lassen. Das wird schwierig genug.


META: Frohe Weihnachten und Danke an die Nordamerikanische Flugabwehr

24 Dec 2008 17:34:38 | Scot W. Stevenson | Meta | Comments

Einige interessierten Leser werden schon die Geschenke aufgemacht haben, aber bekanntlich müssen amerikanische Kinder noch warten, und das nicht nur wegen der Zeitzonen. Wie lange noch, das verfolgen Kind Nummer Eins und Zwei wieder gespannt bei Norads Santa-Tracker. Dumm nur, dass es mit der Erdkunde noch nicht so gut klappt …

Ruhige Feiertage!


ZEUGS: Viel Energie und ein Schnee-Engel beim Football

22 Dec 2008 23:02:53 | Scot W. Stevenson | Zeugs | Comments

Die Heizung im Haus der Ehrenwerten Eltern in Arizona hat Aussetzer. Das ist ein begrenztes Problem, weil das heiße Wasser dort seit Jahrzehnten von einer Solaranlage kommt, draußen 16 Grad bei (was sonst) strahlendem Sonnenschein herrschen und auf dem Ding Garantie ist. Trotzdem nutzen wir die Gelegenheit, um diverse Energie-Themen abzuhandeln.

  • Zum Energieverbrauch: Wir hatten von dem Frust amerikanischer Solarenergie-Befürworter über das Desinteresse ihrer Landsleute gesprochen. Wie riesig das Potenzial wäre, zeigt der Vergleich der Karten der Sonneneinstrahlung für Nordamerika und für Europa. Europa liegt viel nördlicher (oder die USA liegen viel südlicher), als den meisten Menschen klar ist: New York ist etwa auf einer Höhe mit Madrid.
  • Zum Energiemix: Nehmen wir uns eine Solar-Karte nur der USA vor (Seite 4). Die Region im Südwesten der USA, in der Ecke zwischen Kalifornien und Mexiko, wo es Sonne satt gibt, da liegt Arizona. Und was steht dort? Das größte Kernkraftwerk der USA, Palo Verde 2.
  • Zum Energieverbrauch: Diese Karten könnte man bald als Routen-Planer einsetzen. Besitzer des Hybrid-Autos Toyota Prius, dem Lieblingsfahrzeug der amerikanischen Umweltschützer, können nun ein Solardach nachrüsten. Preis 3500 Dollar, zusätzliche Reichweite etwa 13 Kilometer. Die Firma versucht für die Umrüstung eine steuerliche Vergünstigung herauszuschlagen.
  • Zur Mehrwertsteuer: Wir hatten beschrieben, dass die Bundesstaaten ihre Gelder getrennt vom Bund einziehen und selbst ihre Steuern festlegen. New Mexico (östlich von Arizona) hat diese Hoheit genutzt, um die Mehrwertsteuer auf Solaranlagen ganz abzuschaffen (oder, realistisch gesehen, vorerst auszusetzen). Online-Läden wie Affordable Solar müssen daher je nach Bundesstaat andere Rechnungen ausstellen.
  • Zum Staatsaufbau: Zusätzlich haben die Kommunen eigene Programme aufgelegt. Da natürlich niemand mehr durchsteigt, gibt es die Online-Datenbank DSIRE. Dort kann man zum Beispiel sehen, wie die Stadt San Francisco, der Bundesstaat Kalifornien und der Bund jeweils alternative Energien fördern. Ob die Leute das auch nutzen, ist wie überall eine andere Frage.
  • Zu Über: Das britische Magazin The Economist berichtete letztens von einer überraschenden Studie, die ausgerechnet Los Angeles die beste CO2-Bilanz pro Kopf auf dem US-Festland bescheinigt. Die Reihenfolge wird so angegeben (Hervorhebung hinzugefügt):

    Top of their green list is Honolulu, in Hawaii, whose residents accounted for 1.36 tons of carbon each in 2005. Los Angeles, at 1.41 tons per person, narrowly beats Portland, Oregon, which is widely proclaimed as an über-green city.

    An vierter Stelle steht demnach New York.

  • Zu New York: Wir hatten scherzhaft gesagt, dass Upper Sandusky, Ohio auf LED-Lampen umstellt. Tatsächlich stellt New York um. Die neuen Lampen sollen zwei Mal so lange halten und 30 Prozent weniger Energie verbrauchen. Dieser Autor weigert sich zu erklären, warum die Stadt in dem Wired-Artikel “Gotham” genannt wird - das fällt unter Allgemeinbildung.
  • Zu Umzügen: Amerikaner ziehen einer neuen Studie zufolge immer weniger um:

    The monthly Current Population Survey found that fewer than 12 percent of Americans moved since 2007, a decline of nearly a full percentage point compared with the year before. In the 1950s and ’60s, the number of movers hovered near 20 percent.

    Unter anderem soll das daran liegen, dass die Bevölkerung im Durchschnitt älter geworden ist und öfter beide Partner einen Job haben. Warum ist das wichtig? Wenn die Leute länger an einem Ort wohnen bleiben, können sich Dinge wie PV-Solaranlagen eher amortisieren. Selbst in Arizona würde das im Moment noch 22,9 Jahre dauern [Spreadsheet].

  • Zu Codes im Zweiten Weltkrieg, um wenigstens ein anderes Thema zu berühren: Google hat das Foto-Archive von Life ins Internet gestellt, und neugierige Blogger haben Bilder von Codebrechern bei der Arbeit gefunden. Einige sind allerdings offenbar gestellt. Das Archiv enthält auch Bilder der Zerstörung aus dem Bürgerkrieg oder aus Deutschland.
  • Zum Zweiten Weltkrieg, mehr Bilder: Das US-Nationalarchiv hat einen ganzen Schwung von Dokumenten online gestellt.
  • Zu American Football, um zum Ende wieder zu Arizona und dem Wetter zurückzukommen: Bekanntlich gibt es beim Football keine “Winterpause”, weil echte Männer ihre Sieges-Schnee-Engel [Video] auch in kurzen Ärmeln machen (der interessierte Leser HM schickte übrigens einen Rugby-Spot ein, der die Fußball-Mentalität verdeutlichen soll [YouTube]). Dumm nur, wenn die echten Männer aus Arizona kommen und es irgendwie geschafft haben, seit 25 Jahren nicht mehr auf Schnee zu spielen und (unter anderem) deswegen von den Neuengländern 47-7 brutal abgezogen werden. Die sollen mal im Sommer vorbeikommen …

Sheeple, das Volk der Schafe

18 Dec 2008 22:31:03 | Scot W. Stevenson | Eintrag | Comments

In den USA kommt endlich Joss Whedons Dr. Horrible’s Sing-Along Blog auf DVD heraus. Wir erinnern uns: Das ist das hochgelobte Internet-Musical, das der Buffy-Schöpfer während des Autoren-Streiks aus der eigenen Tasche produzierte. Lange Zeit gab es unter Fans einen Streit um eine Textzeile:

Look at these people — amazing how sheep’ll
Show up for the slaughter

Statt sheep’ll - von sheep will - hatten vor der Veröffentlichung der offiziellen Liedertexte viele Leute sheeple gehört.

Das ist eine Kombination aus sheep und people und bezeichnet eine Gruppe von Menschen, die wie Schafe kritiklos und ohne nachzudenken der Obrigkeit folgen. Eine Singular-Form gibt es nicht. Der Begriff soll zuerst in den 50er Jahren benutzt worden sein. Wir finden ihn aktueller in Artikeln wie A Nation of Sheeple, wo darüber gesprochen wird, wie kritiklos Fluggäste die Sicherheitsprüfungen am Flughafen über sich ergehen lassen:

Americans sheepishly accepted all sorts of Transportation Security Administration nonsense. In the name of security, we’ve allowed fingernail clippers, eyeglass screwdrivers and toy soldiers to be taken from us prior to boarding a plane.

Auch Barack Obamas Sieg führten einige Leute schon während der Präsidentschaftswahl auf eine Herdenmentalität der Masse zurück:

People tend to support a winner, go with the flow, become “sheeple.” The polls are roughly 3-5 points in favor of Barack. That’s due to our inflation of the polls and pulling in the sheeple.

Harte Worte. Da aber jetzt Dr. Horrible und die Evil League of Evil die Macht übernommen haben, ist das alles irrelevant - Bwahahahaha!


Amerikaner und (fehlende) Notfallausrüstungen

15 Dec 2008 09:55:10 | Scot W. Stevenson | Eintrag | Comments

Neuengland ist nach einem Sturm unter Eis begraben und mindestens 800.000 Amerikaner sind ohne Strom. Die Behörden warnen, dass es zwei Tage dauern könnte, bis alle Straßen für die Reparaturmannschaften freigeräumt sind. Bis dahin sind die Leute, besonders in den etwas abgelegenen Gebieten, ziemlich auf sich selbst gestellt.

Wir hatten in einem anderen Zusammenhang darauf hingewiesen, dass schon das normale Klima in den USA aus mitteleuropäischer Sicht extrem sein kann. Darüber hinaus gibt es als Sonderbonus gerne mal Tornados, Erdbeben, flächendeckende Waldbrände oder tagelange Blizzards. Andere Liebesbekundungen von Mutter Natur wie Bisse von Giftschlangen (fast 8.000 Fälle pro Jahr) und Angriffe von Bären oder Berglöwen ignorieren wir erstmal. Was immer auch passiert, im drittgrößten Land der Erde ist man danach oft weiter weg von den Helfern als im dicht besiedelten Europa.

Entsprechend rufen die amerikanische Behörden unerlässlich alle Bürger dazu auf, sich eine Notfallausrüstung zuzulegen.

Das geht durch alle Ebenen. Get a kit (wahlweise Prepara un equipo) drängt das Heimatschutzministerium als Teil seines Programms Ready America. In Bundesstaaten wie Arizona heißt das Gegenstück Just in Case und auch hier soll man sich ein Päckchen schnüren. Auf der Landkreis-Ebene mahnt der Katastrophenschutz von Maricopa County:

Keep enough supplies in your home to survive on your own for up to 10 days and check your kit every three months.

Zehn Tage alleine durchzukommen, das bedeutet erstmal Wasser. Bei einer Gallone pro Tag und Person - die allgemein empfohlene Menge - müsste die vierköpfige Familie Stevenson dazu etwa 150 Liter Trinkwasser auf Lager haben. Die amerikanischen Seuchenzentren des CDC (bekannt aus Pandemie-Filmen) schlagen dagegen einen Wasservorrat für fünf Tage vor. Die Colorado State University spricht von drei Tagen, erklärt aber dafür ausführlich, wie man aus anderen Quellen im Notfall Trinkbares gewinnt. Es regnet halt mehr in Colorado als in Arizona.

Dass mehr dahinter steckt als Regierungsgehampel nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sieht man am Roten Kreuz. Auf der Website der American Red Cross wird eine Fülle von Notfallausrüstungen angeboten. Neben einem Rucksack für drei Tage gibt es auch Safety Tubes für die Handtasche. Am besten findet dieser Autor den Water Bob, der die Badewanne in einen Notfall-Tank mit einem Fassungsvermögen von bis zu 380 Litern verwandelt.

Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass wir nur von der Aufforderung geschrieben haben, sich eine Ausrüstung zuzulegen, und nicht, dass die Amerikaner es tatsächlich tun. Studien zufolge haben nur vier Prozent der US-Bürger alle Empfehlungen umgesetzt, 23 Prozent dagegen gar keine. Der landesweite “Readiness Quotient” (RQ), den jeder für sich selbst online ausrechnen kann, lag 2007 bei 4,1 Punkten. Wünschenswert wären 10.

Ein Problem ist das Image. Sich zu viele Gedanken über den persönlichen Katastrophenschutz zu machen, rückt einen schnell in eine Ecke mit den Leuten, die Atombunker im Garten bauen, wegen des Y2K-Bugs Hamsterkäufe unternahmen oder angesichts von Peak Oil das Ende unserer Zivilisation erwarten. Muss man sich wirklich einen Vorrat an Lebensmitteln zulegen, die 25 Jahre halten?

Das Desinteresse kennen wir auch aus Deutschland, wo ein Gutachten des Bundestages erhebliche Lücken bei der Vorsorge fand. Und das, obwohl der tagelange Stromausfall im Münsterland vor drei Jahren so dramatische Folgen hatte.


Das Massaker von Bombay und US-Waffengesetze

13 Dec 2008 07:46:18 | Scot W. Stevenson | Eintrag | Comments

Among the many misdeeds of the British rule in India, history will look upon the act of depriving a whole nation of arms as the blackest.

- Mahatma Gandhi

Wer nach den Anschlägen in Bombay amerikanische Blogs verfolgt hat, wird wiederholt auf eine Diskussion gestoßen sein: Hätten die Islamisten genauso ein Massaker anrichten können, wenn wenigstens einige Inder bewaffnet gewesen wären? Der Juraprofessor Glenn Reynolds sammelt Links dazu und spekuliert, dass es zumindest schwieriger gewesen wäre:

Would they take hostages? It would probably be a lot harder. Would that prevent raids like this? Maybe not, but if you’re just out to kill people and not take hostages, why not just use a car-bomb? Plus, when your “victims” are shooting back at you and killing you, they’re not really victims any more, are they? Kinda undercuts the whole terrorism game.

Andere Leute sind direkter [YouTube] und erklären, Indiens strenge Gesetze hätten das Massaker in dieser Form überhaupt erst möglich gemacht.

Das Argument der “wehrhaften Zivilbevölkerung” gehört zu den Wichtigsten der Befürworter von liberalen Waffengesetzen in den USA. Wenn der normale, gute, anständige Bürger bewaffnet ist, so die Logik, kann er Terroristen sofort Widerstand leisten, Verbrechen schnell unterbinden und böse Leute abschrecken.

(Wir sind kurz auf die Waffengesetze in den USA eingegangen, aber weil es noch keinen zentralen Eintrag dazu gibt, hier das Wichtigste: Wie so vieles andere auch entscheiden die Bundesstaaten und Kommunen, wer eine Schusswaffe tragen darf. Der Eintrag dazu in der Wikipedia ist entsprechend ein großer Spaß. Die Argumente gegen den Privatbesitz von Waffen sind in Deutschland gut bekannt und im Recht verankert. Wir setzten sie daher aus Platzgründen als bekannt voraus, auch unter der Gefahr, dass dieser Eintrag einseitig wirkt.)

Reynolds fasste das Argument im Bezug auf Amokläufe 2007 mit dem Spruch zusammen People don’t stop killers, people with guns do:

Police can’t be everywhere, and [...] by the time they show up at a mass shooting, it’s usually too late. On the other hand, one group of people is, by definition, always on the scene: the victims. Only if they’re armed, they may wind up not being victims at all.

Da es nun in den USA zumindest im Vergleich mit Indien jede Menge Bürger mit Waffen gibt, stellt sich sofort die Frage, ob es wirklich solche Fälle gibt.

Kurz gesagt, ja. Die Presse liebt inbesondere wehrhafte alte Damen. Da wäre vor einigen Wochen die 85-jährige Leda Smith, die am Sonntag - natürlich - von der Kirche nach Hause kam und einen Einbrecher überraschte, den sie mit ihrem Revolver in Schach hielt, bis die Polizei kam. Im vergangenen Jahr wurde die damals 82-jährige Venus Ramey, Miss America 1944, zu einer Art Medienstar, als sie trotz ihrer Gehbehinderung einem Eindringling auf ihrer Farm die Reifen zerschoss:

She had to balance on her walker as she pulled out a snub-nosed .38-caliber handgun.

Hier gilt offensichtlich eine Variante von Terry Pratchetts Rule One.

Die Befürworter von liberaleren Gesetzen sammeln solche Beispiele. Sie argumentieren, dass die Bevölkerung und erst recht die Politiker die Häufigkeit dieser Fälle von Selbstverteidigung systematisch unterschätzen. Während “erfolgreiche” Massaker in die weltweiten Medien gelangten, würden “gestoppte” bestenfalls in der Lokalpresse aufgenommen und dann auch nur verfälscht - außer natürlich, es war eine Oma beteiligt.

Als Paradebeispiel gilt aus ihrer Sicht die Berichterstattung über das Massaker an der Virginia Tech 2007, das sie mit der Schießerei an der nahe gelegenen Appalachian School of Law fünf Jahre zuvor vergleichen. Im ersten Fall habe niemand den Amokläufer aufhalten können, weil die Universität eine gun-free zone gewesen sei. Im zweiten Fall hätten dagegen zwei Studenten ihre Waffen aus ihren Autos geholt und Schlimmeres verhindert. Genau das hätten jedoch die Medien vertuscht. Sie hätten nur geschrieben, der Schütze sei “überwältigt” worden, ohne die Mittel zu nennen.

(Es dürfte nicht überraschen, dass die Befürworter von liberaleren Gesetzen die “waffenfreien Zonen” für eine Einladung an Massenmörder halten, nach Belieben wehrlose Bürger niederzumetzeln. Wie der Musiker Ted Nugent es zusammenfasst:

Gun-free zones, huh? Try this on for size: Columbine gun-free zone, New York City pizza shop gun-free zone, Luby’s Cafeteria gun-free zone, Amish school in Pennsylvania gun-free zone and now Virginia Tech gun-free zone.

Entsprechend entstanden im ganzen Land nach dem Virginia-Tech-Massaker Studentengruppen, die an ihren Unis das Recht zum tragen einer Waffe einfordern.)

Die Befürworter von strengeren Gesetzen bestreiten nicht, dass es Fälle gibt, wo bewaffnete Bürger Einbrecher stoppen oder Massaker verhindern. Für sie ist der Preis dafür zu hoch, zum Beispiel die Zahl der Unfälle mit Schusswaffen:

Of 626 shootings in or around a residence in three U.S. cities revealed that, for every time a gun in the home was used in a self-defense or legally justifiable shooting, there were four unintentional shootings

(Beide Seiten werfen sich verschiedene Studien an den Kopf - einschließlich einer berühmten, die besagt, dass viele der Erhebungen überhaupt keine Aussagekraft in die eine oder andere Richtung haben. Die beiden Lager können sich höchstens auf sehr allgemeine Aussagen einigen, wie die dass die Mordrate in den USA stetig zurückgeht. Natürlich wird auch beißender Spott eingesetzt.)

Wir können die Diskussion an dieser Stelle verlassen, denn ein Konsens ist nicht in Sicht. Stattdessen schauen wir uns ein ähnliches Argument an, wenn wir schon mal beim Thema sind: Die Schusswaffe als Selbstschutz für die körperlich Schwachen.

Gehen wir zurück zu unseren rüstigen 80-jährigen Damen. Die Befürworter von liberalen Gesetzen argumentieren, dass die grannies with guns ohne ihre Waffen ihren Angreifern hilflos ausgeliefert gewesen wären. Gleichzeitig geht die Zahl der von Rentnerinnen dieses Alters verübten Massaker und Morde ziemlich gegen Null. Warum sollten sie ihre Pistolen abgeben?

Was bei Omas noch irgendwie lustig klingen mag, wird zum Politikum, wenn man es auf alle Frauen ausdehnt. Waffenrechte sind in den USA im Gegensatz zu Deutschland für Feministinnen ein Thema:

[G]uns are the only weapon that equalizes strength between attacker and attacked. It’s the only time when men’s greater speed, strength, and longer reach make no difference; if you pull the trigger first, you win. This is an enormous social advance.

Die Waffenlobby NRA hat eigene Programme für Frauen und Organisationen wie die Second Amendment Sisters werben mit Sprüchen wie [JPG]:

Give up my rifle? Never! I am blonde, not stupid.

Tatsächlich nimmt die Zahl der Frauen mit Schusswaffen in den USA immer mehr zu und dürfte inzwischen die 17 Millionen erreicht haben. Das wären grob zehn Prozent der Amerikanerinnen. Politisch ist es schwieriger zu verlangen, dass diese Frauen ihre Waffen abgeben sollen, denn schwere Gewaltverbrechen werden überwiegend von Männern verübt. Die Gegenseite argumentiert, dass es auch Pfefferspray oder ein Elektroschocker tun würde.

Ob jetzt in Indien eine neue Diskussion über Waffengesetze aufgekommen ist, vermag dieser Autor nicht einzuschätzen. Es gab vor dem Massaker zumindest einzelne Forderungen nach einer Lockerung. Parallelen zu der Situation in den USA sind trotz der gemeinsamen britischen Wurzeln ohnehin schwierig, denn die strengen indischen Gesetze stammen aus der Kolonialzeit. Daher auch das Gandhi-Zitat am Anfang des Textes. Nicht jeder interessierte Leser dürfte es kennen, aber unter amerikanischen Waffenbesitzern hat es einige Verbreitung gefunden.


Die Struktur der Ligen und der Saisonverlauf beim American Football

09 Dec 2008 17:29:50 | Scot W. Stevenson | Eintrag | Comments

Wir weichen von unserem angekündigten Programm ab, um ein wahrhaft historisches Ereignis zu vermelden: Die Arizona Cardinals haben zum ersten Mal seit 33 Jahren die Divisionsmeisterschaft gewonnen. Als Sieger in der NFC West werden sie nach 1947 auch endlich wieder Gastgeber eines playoff-Spiels sein. Dieser Autor vertraut darauf, dass die interessierten Leser bis heute durchgefeiert haben.

Das ist eine gute Gelegenheit, die Struktur der Ligen beim American Football zu erklären. Der Aufbau beim Fußball in Deutschland ist bekanntlich primitiv unkompliziert und daher kann es schwierig sein zu verstehen, wie der Weg zum Superbowl (übrigens am 1. Februar 2009) aussieht.

Am einfachsten ist das System zu verstehen, wenn man sich zwei Dinge klar macht: Erstens, die USA sind schweinegroß, weswegen man die Wege in der regulären Saison begrenzen will. Zweitens, früher gab es zwei konkurrierende Ligen, die in ruinöser Konkurrenz um die besten College-Spieler standen. Die heutige National Football League (NFL) entstand 1970 aus ihrer Fusion.

Deswegen ist die NFL immer noch in zwei conferences aufgeteilt, die National Football Conference (NFC) und die American Football Conference (AFC). Beide decken das ganze Land [Karte] ab. Die Cardinals, um bei dem einzigen relevanten Beispiel zu bleiben, gehören zur NFC.

In der nächsten Stufe werden diese beiden Unterligen in je vier geographische divisions aufgeteilt, die nach den Himmelsrichtungen benannt sind. Besonders im Westen des Landes werden dabei große Gebiete abgedeckt: In der Heimat-Division der Cardinals, der NFC West, sind neben Arizona die San Francisco 49ers, die St. Louis Rams und die Seattle Seahawks zusammengefasst. Von Seattle nach St. Louis sind es 2775 Kilometer, mehr als von Paris nach Moskau.

(Football nimmt unter den nordamerikanischen Sportarten eine Sonderstellung ein, denn im Gegensatz zu Baseball, Basketball, Eishockey und Fußball spielen keine kanadischen Teams mit. Das liegt daran, dass die Regeln des Canadian Football etwas anders sind.)

An dem Beispiel sehen wir, dass in jeder Division vier Mannschaften spielen. Damit kommt man insgesamt auf 32 Teams. Nicht nur die Zahl ist festgelegt, sondern auch die Zugehörigkeit zur NFL: Aufstieg und Abstieg gibt es nicht. Durch Verfahren, die wir erstmal überspringen, wird versucht, die Mannschaften immer etwa gleich stark zu halten. So etwas wie den Dauer-Sieger Bayern München soll es nicht geben, denn das wäre langweilig.

Das ist der Aufbau der Liga. Jetzt kommt der Ablauf der Saison.

Die regular season fängt am Wochenende nach Labor Day an, dem ersten Montag im September. Jede Mannschaft absolviert 16 Spiele:

  1. Sechs Spiele: Zwei Mal gegen jede andere der drei Mannschaften in der eigenen Division, einmal zu Hause und einmal auswärts.
  2. Vier Spiele: Gegen jede Mannschaft aus einer anderen Division aus der eigenen Konferenz, zwei davon auswärts und zwei zu Hause. Jedes Jahr wird gegen die Mannschaften einer anderen Division gespielt, was einen Drei-Jahres-Zyklus ergibt.
  3. Vier Spiele: Gegen jede Mannschaft aus einer anderen Division aus der anderen Konferenz, zwei davon auswärts und zwei zu Hause. Jedes Jahr wird gegen die Mannschaften aus einer anderen Division gespielt, was einen Vier-Jahres-Zyklus ergibt.
  4. Zwei Spiele: Gegen die Mannschaften in der eigenen Konferenz, die in anderen Divisionen auf dem gleichen Tabellenplatz abgeschlossen haben. Ausgenommen ist die Division aus Punkt 2, gegen die man ohnehin schon gespielt hat. Ein Spiel findet auswärts, eins zu Hause statt.

Klarer wird das Ganze durch einen Blick auf eine Tabelle [PNG], die unverständlicherweise die Cleveland Browns aus der AFC North als Beispiel benutzt. Das Verfahren stellt sicher, dass jede Mannschaft mindestens alle vier Jahre gegen jede andere in den USA spielt. Gleichzeitig wird dafür gesorgt, dass geographisch näher gelegene Mannschaften häufiger gegeneinander spielen. Örtliche Rivalitäten müssen gepflegt werden, wie jeder in auf Schalke und in Dortmund wissen wird.

Gegenwärtig wird diskutiert, nach 2009 die Zahl der Spiele jeder Mannschaft auf 18 zu erhöhen. Zudem wird überlegt, aus missionarischen Gründen mehr Spiele im Ausland auszutragen. Damit hat die NFL Erfolg: Im Oktober 2008 kamen 82.000 Fans zu einem Spiel der New Orleans Saints gegen die San Diego Chargers im Wembley Stadium in London, ein Ort, den auch Deutsche kennen.

(Der britische Rasen genügte allerdings nicht den Standards der NLF, wie der Trainer von New Orleans, Sean Payton, erklärte:

The footing was bad, the field was slick and choppy [...]. After our run-through on Saturday we knew it would be a sloppy field regardless of whether it rained.

Dazu sollte man vielleicht wissen, dass New Orleans das Spiel verlor.)

Am Ende der regulären Saison stehen die playoffs. Jede Konferenz veranstaltet dabei ein eigenes Mini-Ausscheidungsturnier [PNG] mit ihren vier Divisions-Siegern und zwei wild card-Mannschaften. Das sind die beiden Teams, die nach dem Abzug der vier Sieger in der Konferenz das beste Ergebnis hatten.

Äh, wird der interessierte Leser jetzt sagen. Ein Ausscheidungs-Tournier mit sechs Mannschaften? Wie geht das denn?

Die nach Punkten besten zwei Mannschaften unter den vier Siegern machen zuerst Pause, während die Nummern Drei und Vier gegen die zwei Wild-Card-Mannschaften spielen. Nach dieser Wild Card Round folgt die Divisional Round mit den dann vier Mannschaften. Aus ihnen gehen die Finalisten für die Meisterschaften der Konferenzen hervor.

Die Sieger der AFC und NFC treten schließlich zu dem letzten und größten Duell gegeneinander an - dem berühmten Superbowl.

Für die Cardinals ist der Weg also noch weit. Dass sie als älteste Profi-Mannschaft der Liga noch nie im Superbowl gestanden haben, kann dabei den wahren Fan nicht schocken. Schließlich wurde das Team 1899 gegründet, im selben Jahr wie eine gewisse Mannschaft aus Hoffenheim.


META: Blogpause bis zum 9. Dez 2008

02 Dec 2008 21:22:18 | Scot W. Stevenson | Meta | Comments

Da es in den vergangenen Tagen etwas aufregend zu Hause war und die echte Welt Anforderungen stellt, legen wir eine einwöchige Blogpause bis


Dienstag, dem 9. Dezember 2008

ein (das ist leicht zu merken, denn am nächsten Tag kommt Buffy-Heft #20 heraus). Der Eintrag wird der sein, der ursprünglich für heute geplant war, über die Anschläge von Bombay und dem US-Waffenrecht.


META: USAE für den Goldenen Prometheus nominiert

01 Dec 2008 19:23:02 | Scot W. Stevenson | Meta | Comments

Kaum ist Advent, kommt schon eine frohe Kunde: Ich bin für den Goldenen Prometheus nominiert worden, in der Kategorie “Onlinejournalist”. Vielen Dank!


ZEUGS: Thanksgiving, die Betten im Weißen Haus und West ist Ost

29 Nov 2008 08:51:58 | Scot W. Stevenson | Zeugs | Comments

Wünsche einen schönen Thanksgiving gehabt zu haben! Neben Bergen von Rest-Truthahn türmen sich hier Berge von E-Mail und Kurzeinträgen hier auf. Beim Vogel kann die Katze helfen, bei den E-Mails klappt das nicht so gut.

  • Zu Halloween: Wir hatten vergessen, die Statistiken für dieses Jahr zu veröffentlichen, zum Beispiel dass 110 Millionen Häuser als potenzielle Ziele der 36 Millionen Kinder im Trick-or-Treat-Alter warteten, oder dass 93 Prozent der US-Bürger ihre Nachbarschaft für sicher halten und etwa 500.000 Tonnen Kürbisse im Jahr angebaut werden. Und das waren die trivialen Fakten für heute.
  • Zur Wahl: Wer sich fragt, wie die Machtübergabe abläuft, kann im Handbuch nachschlagen. Ein guter Einstieg wäre es, die ganzen Abkürzungen [PDF] auswendig zu lernen.
  • Zur Wahl, nochmal: Die wirklich wichtigen Dinge sind allerdings schon besprochen: Die Bush-Töchter Barbara und Jenna haben den Obama-Töchtern Sasha und Malia gezeigt, wie man am besten auf die Betten im Weißen Haus springt. First Lady Laura Bush hält das für dringend notwendig:

    They’re really tall beds; you need to get a running start.

    Wir können aufatmen, die Kontinuität ist sichergestellt.

  • Zu Wahlmännern: Die meisten Landkarten zur Wahl haben die Bundesstaaten gezeigt. Interessant ist zu sehen, in welchen Landkreisen Barack Obama gewonnen hat.
  • Zu Himmelsrichtungen: Die Karte grade stammt aus dem Blog Strange Maps, für das sich das ganze Internet gelohnt hat (zusammen mit I Can Has Cheezburger? natürlich). In einem anderen Eintrag wird beschrieben, warum West und Osten als geopolitische Begriffe für Amerikaner keinen richtigen Sinn erheben:

    From the US, the shortest route to what’s conventionally called “the East” is in fact via the west. Going in that direction, you’ll hit the “Far East” before you’re in the “Middle East”. And Europe, or at least that part usually included in “the West”, lies due east.

    Der Autor - also, der Autor, nicht dieser Autor - hat die Hoffnung, dass durch die “abnehmende Bedeutung Europas” auch endlich die dominant eurocentric toponymy abgeschafft wird. Schon jetzt würden die Australier den “fernen Osten” als den “nahen Norden” bezeichnen. Das wird die Ostfriesen verwirren.

  • Zu Änderungsvorschlägen, während wir dabei sind: Das Blog Nothing for UnGood hat eine ganze Reihe davon, in beide Richtungen. Der beste Idee aus den Kommentaren ist die, endlich richtiges Brot in den USA einzuführen.
  • Zu Achtung: Wired hat einen Artikel über Zeppelin-Flüge über London. In Rückgriff auf den Ersten Weltkrieg lautet die Überschrift natürlich …
  • Zu den Atombombentoten: Wir sollten darauf hinweisen, dass es eine große (und schnell wachsende) Gruppe von US-Bürgern gibt, deren Reaktion auf solche Diskussionen für Europäer unerwartet kommt: Sino-Amerikaner. Angesichts 20 Millionen Toter in China durch die japanische Invasion, der Biowaffen- und Menschenversuche der Einheit 731 mit ihren anhaltenden Folgen, den wochenlangen Massakern in Nanking und anderen japanischen Kriegsverbrechen halten viele von ihnen die Debatte über einige Hunderttausend Atombombentote für irrelevant oder gar einen Versuch der Japaner, sich als Opfer darzustellen. Am bekanntesten ist die US-Historikerin Iris Chang, Autorin des Sachbuch-Bestsellers The Rape of Nanking. Das gleiche Prinzip gilt auch für Philippino-Amerikaner, insbesondere wegen des Sack of Manila. Amerikaner japanischer Abstammung sehen das oft anders.
  • Zum Begriff Nazi: Schwierig für Deutsche kann zusätzlich sein, dass das Lager Ping Fan wie selbstverständlich als Asian Auschwitz oder Auschwitz of the East bezeichnet wird. Mehr noch, auch in ernsthaften Medien wie den New York Times werden die Versuchsreihen der Japaner als schlimmer beschrieben:

    [W]hile Nazi scientists like Josef Mengele conducted hideous experiments on concentration camp prisoners, their lesser-known Japanese counterparts, led by Gen. Shiro Ishii, were waging full-scale biological warfare and subjecting human beings to ghastly experiments of their own — and on a far greater scale than the Germans.

    Ausdrücklich sind hier nicht die Vernichtungslager gemeint, sondern die Versuche. Trotzdem wird vom Asian Holocaust gesprochen. Chang benutzt das Wort für die Massenmorde in Nanking.

  • Zum Bürgerkrieg: Newsweek hatte während der Wahl einen Bericht darüber, wie sehr der zentrale Krieg der US-Geschichte im Süden noch gegenwärtig ist.
  • Zu Sprachen: Wir haben in diesen Blog schon allein wegen des Speicherplatzes und der juristischen Probleme keine Bilder. Aber der interessierte Leser AD schickt einen Link [JPG] zu einem Wahlschild aus der FAZ, der die Vielsprachigkeit in Teilen der USA deutlich macht.
  • Zu Religion: Mehr und mehr Amerikaner wollen die Religion (wieder) aus der Politik zurückdrängen. Ob der Trend anhält, ist unklar.
  • Zur Religion, nochmal: Denn wenn das wirklich so weitergeht, werden die USA wie Großbritannien, wo ja bekanntlich kaum jemand noch zur Kirche geht. Und wer ist daran schuld? Nun, natürlich Buffy! Denn die Serie, so die Soziologin Kristin Aune, verleite Frauen dazu, sich dem Heidentum zuzuwenden:

    Because of its focus on female empowerment, young women are attracted by Wicca, popularised by the TV series Buffy the Vampire Slayer.

    Das amerikanische Fernsehen als Ursache für den Niedergang der Church of England? Wenn das die Pilgrims gewusst hätten, hätten sie bestimmt vor Freude noch einen Schlag Truthahn ‘draufgelegt.


W/ or w/o Zombies, w/e

24 Nov 2008 04:30:04 | Scot W. Stevenson | Eintrag | Comments

Dieser Autor hat zum Entsetzen der Schönsten Germanin eine gewisse Vorliebe für Zombies, ob als Kurzgeschichte wie Death and Suffrage von Dale Bailey [1] (wo sie wählen gehen), als Film wie Return of the Living Dead (wegen des Humors) oder als Computerspiel wie Resident Evil (das übrigens für die Wii neu aufgelegt wird).

Mit besonderem Interesse verfolgt er daher die Berichte über Valves neues Spiel Left 4 Dead, wo man als Gruppe gegen die Untoten antritt. In einer Rezension von Wired ist ihm dabei folgende Abkürzung in einem screenshot aufgefallen (Hervorhebung hinzugefügt):

They can’t change back
Don’t take them w/ you
Save yourself!!

Man müsste meinen, with sei als Wort kurz genug, dass man dafür keine Abkürzung braucht. Aber nein, die faulen Angelsachsen haben dafür w/ im Gebrauch und w/o für without. Angeblich gibt es auch w/e für whatever. Das ist diesem Autor nicht untergekommen, aber vielleicht ist das eine Generationsfrage.

Dummerweise dürfte der alte iMac Core Duo (nicht: Core 2 Duo) im Keller nicht schnell genug sein für Left 4 Dead, selbst das (immer noch hypothetische) neue MacBook würde nicht helfen und ohnehin hat dieser Autor keine Zeit für so etwas. Seufz.

Aber vielleicht ist das gut so, denn offenbar führen Online-Spiele zu Abkürzungs-Verwirrungen. Ein Blogger berichtet davon, wie er zum Spott seiner Freunde steif und fest behauptet habe, statt w/ sei /w die richtige Abkürzung für with. Die Lösung: /w ist bei WoW der Befehlscode für whisper.

([1] Death and Suffrage von Dale Bailey, in The Living Dead von John Joseph Adams (Hrsg), Night Shade Books 2008)


Freitagabend, die TV-Sendezeit des Todes

21 Nov 2008 03:57:05 | Scot W. Stevenson | Eintrag | Comments

Dollhouse [YouTube], die neue Serie des Buffy-Schöpfers Joss Whedon, hat von Fox den Sendeplatz am Freitagabend zugewiesen bekommen. Damit ist sie jetzt schon fast sicher zum Tode verurteilt: Dieser time slot ist das Hospiz des amerikanischen Fernsehens.

Die Liste von Sendungen, die im Friday night death slot starben, ist lang: Star Trek, Star Trek: Enterprise, Malcolm in the Middle, The A-Team, Dark Angel und Firefly zum Beispiel (letzteres war auch von Whedon und wurde von Fox brutal abgeschoben, was dem Sender einen gewissen Ruf eingebracht hat). Früher war das nicht so, da haben Amerikaner auch am Freitagabend vor der Glotze gesessen, und ganz früher sogar am Samstagabend. Inzwischen sind diese Zeiten für die TV-Macher verloren.

Es gibt auch Sendungen, die am Freitag Fuß fassten - Battlestar Galactica, Miami Vice, Dallas, X-Files zum Beispiel. Auffällig ist aber, dass sie bei dem kleinsten Zeichen von Erfolg so schnell wie möglich auf andere Sendeplätze verlegt wurden.

Dollhouse hatte eine Reihe von anderen Problemen. Da jetzt noch der Horror-Sendeplatz am Freitagabend dazu kommen, wundert es nicht, dass schon Nachrufe geschrieben werden, bevor die Serie angelaufen ist, und dass es bereits eine Rettet- Dollhouse-Bewegung gibt. Good luck with that, möchte man da sagen: Die Premiere ist am Freitag, dem 13. Januar.


November, der amerikanische Roman-Monat

17 Nov 2008 23:52:58 | Scot W. Stevenson | Eintrag | Comments

Einige Amerikaner wirken im November abwesend, überarbeitet, gehetzt, ungepflegt, sind kaum zu erreichen und trinken viel zu viel Kaffee, denn sie nehmen am National Novel Writing Month (kurz NaNoWriMo) teil. Das Ziel ist, wie der Name sagt, innerhalb eines Monats einen Roman zu schreiben. Im vergangenen Jahr versuchten sich als 100.000 Menschen daran. Heraus kamen 15.000 Romane.

Erfinder des Ganzen ist der Journalist Chris Baty. In seinem Buch No Plot? No Problem! [1] beschreibt er, wie der Überschwang des Dot-Com-Booms 1999 ihn und 21 Bekannte dazu brachte zu glauben, sie könnten in 30 Tagen einen Kurzroman mit 50.000 Wörtern schreiben:

We were in our mid-twenties, and we had no idea what we were doing. But we knew we loved books. And so we set out to write them.

Baty und fünf seiner Freunde schafften es tatsächlich. Das Ganze ist seitdem explodiert:

1999: 21 Teilnehmer und sechs Gewinner
2000: 140 Teilnehmer und 29 Gewinner
2001: 5.000 Teilnehmer und mehr als 700 Gewinner
2002: 13.500 Teilnehmer und etwa 2.100 Gewinner
2003: 25.500 Teilnehmer und rund 3.500 Gewinner
2004: 42.000 Teilnehmer und knapp 6.000 Gewinner
2005: 59.000 Teilnehmer und 9.769 Gewinner
2006: 79.000 Teilnehmer und 13.000 Gewinner
2007: 101.510 Teilnehmer und 15.333 Gewinner

Die Regeln sind denkbar einfach. Man schreibt einen Roman, egal auf welche Sprache - auch auf Deutsch wird fleißig getippt - und lädt ihn am Ende des Monats auf die Website hoch. Dort zählt eine Maschine die Wörter, guckt, ob es 50.000 oder mehr sind, und löscht dann den Text. Das war’s.

Wie man sich denken kann, soll das Ganze nicht hochkünstlerische Werke hervorbringen, auch wenn immerhin etwa 25 der Romane veröffentlicht wurden. Es geht darum, die Scheu vor dem Schreiben zu verlieren, das Gefühl los zu werden, dass man so etwas nie schaffen könne. Daher werden die Texte auch bewusst keiner Jury vorgelegt. Die Gewinner tun es nur für sich. Wer schummelt, ist selbst schuld.

Baty gibt den angehenden Autoren eine Reihe von respektlosen Ratschlägen mit wie plot happens, keep it simple oder englightment is overrated und sammelt hilfereiche Tips, wie man seine Kinder los wird und den Partner besänftigt. Eine Rohfassung ist wie Brotteig, sagt er: You need to beat the crap out of it. Als Vorbild für die richtige Einstellung zur Kreativität zitiert er die dreifache Gewinnerin Rise Sheeridan-Peters:

I don’t wait for my muse to wander by; I got out and drag her home by the hair.

Die ganze Website gibt es inzwischen auch auf Deutsch. Dort steht: “Es ist nicht so schrecklich, wie es klingt.”

Aus dem NaNoWriMo sind ähnliche Veranstaltungen entstanden, wie Script Frenzy im April oder das Young Writers Program, das sich an Schüler und Lehrer wendet.

Aber ehrlich, ein ganzer Monat ist doch für Weicheier. Will keiner der interessierten Leser jetzt noch einsteigen?

[1] No Plot? No Problem! A Low-Stress, High-Velocity Guide to Writing a Novel in 30 Days Chris Baty, Chronicle Books, San Francisco 2004

(Nach einem Hinweis von NMK, der den Wettbewerb vor mehreren Jahren entdeckte, aber immer noch nicht teilgenommen hat)


Dog Latin und falsches “englisches” Latein

13 Nov 2008 22:05:42 | Scot W. Stevenson | Eintrag | Comments

Via, concursus, tempus, spatium, audi me ut imperio — screw it! Mighty forces, I suck at Latin, okay? But that’s not the issue. I’m the one in charge, and I’m telling you: Open up [the] portal, now!

- Willow kämpft mit einem Zauberspruch in der Buffy-Folge “Get it Done”

Dieser Autor sollte inzwischen wissen, dass er kein Wort Latin in dieses Blog aufnehmen kann, ohne sofort von den Leuten zu hören, die ganz genau wissen, ob die Würfel gefallen sind oder geworfen wurden. Dieses Mal war es der interessierte Leser SK, dem zuerst auffiel, dass der Hühnchengeschmack-Schriftzug

Gustatus similis pullus

beim Alien-Aufnäher eigentlich

Gustatus similis pullo

heißen müsste (”similis kriegt den Dativ”). Überhaupt gebe es viele Fehler im “englischen” Latein, sagt SK, was seltsam sei, denn in den USA gebe es keinen Mangel an fähigen Lateinern.

Nun, das können wir erklären. Dauert nur etwas.

In vielen Fällen - allerdings leider nicht in allen - handelt es sich um dog latin, eine weitere Ausprägung der angelsächsischen Liebe zu Wortspielen. Im Gegensatz zum schon besprochenen pig latin werden beim “Hundelatein” lateinische Worte oder Worte, die nur lateinisch klingen, bewusst falsch zusammengesetzt.

Der König des Pseudolateins ist der britische Autor Terry Pratchett. Von ihm stammt

Fabricati diem, punc

das man eher aus dem Mund von Dirty Harry kennt. Etwas anspruchsvoller ist Nil illegitimo carborandum für Don’t let the bastards burn you. Und dann wäre noch

Stercus stercus stercus moriturus sum!

was wir dem Leser als Übung überlassen. In Thief of Time finden wir eine Variante von Dog Latin ohne Latein als sich der Mönch Lu-Tze über die angeblichen Kampfsportarten Okidoki, Shiitake, Upsidazi, Tung-pi und No Kando lustig macht.

Die größte Verbreitung hat Dog Latin inzwischen durch J.K. Rowling und Harry Potter gefunden. Der Zauberspruch Engorgio! kommt vom Englischen to engorge (immerhin noch mit einem sehr entfernten lateinischen Vorfahren) und Muffliato! von to muffle, um zwei Beispiele zu nennen.

Dass das Ergebnis katastrophal falsch ist, gehört beim Dog Latin zum Witz dazu. Wer will, kann eine sozialkritische Komponente hineininterpretieren, eine Verhöhnung von Latein als “Angebersprache” für formelle Gelegenheiten und welche, die es zwanghaft sein wollen.

Meist ist aber eher spasus maximus angesagt. Pratchett selbst sagt dazu:

Latin is barely taught anywhere anymore — it certainly wasn’t taught to me. But dog-Latin isn’t Latin, except by accident. It’s simply made-up, vaguely Latin-sounding phrases

(Es muss nicht immer falsches Latein sein. Carpe diem, wollte man diesem Autor einmal einreden, bedeute eigentlich “Gott ist ein Fisch”: Carpe sei der Ursprung von “Karpfen” und diem komme von deus, also “Gott”. Deswegen auch die ganzen Fischaufkleber bei den Christen. Klang zunächst auch ganz logisch.)

So etwas ist natürlich im Deutschen nicht unbekannt. Die Synchronisatoren von Life of Brian übertrugen Biggus Dickus stilecht als “Schwanzus Longus”. Ihre Kollegen gaben uns bei Asterix “Miraculix”, “Lügfix” und “Teefax”. Die englische Asterix-Übersetzung bietet ihrerseits “Getafix”, “Vitalstatistix” und “Selectivemploymenttax”.

Allerdings findet man mehr solcher Spielereien im Englischen, denn die Angelsachsen haben weniger Berührungsängste mit Latein als die Germanen (meistens, zumindest). Das wundert nicht, den England gehörte etwa 350 Jahre lang zum Römischen Reich. Nach der Invasion der Normannen 1066 kam noch ein ganzer Schwung von Vokabeln lateinischen Ursprungs aus dem Französischen hinzu. Das Lateinische sieht man im amerikanischen Englisch deutlicher als im britischen, denn die Amerikaner haben viele der französischen Verunreinigungen wieder entfernt. Color, honor und rumor haben im Original kein u.

Als Folge bekommen Angelsachsen - und natürlich erst Recht die hispanischen US-Bürger - einen gewissen lateinischen Wortschatz kostenlos als Teil ihrer Muttersprache mitgeliefert. Das macht Spielchen mit Latein einfacher. Nehmen wir die Buffy-Folge “Superstar”, wo unsere Helden darüber sprechen, dass Magie ziemlich schwierig ist. Xander, der ein aufgeschlagenes Zauberbuch in der Hand hält, stimmt dem zu:

Right. You can’t just go librum incendere and expect -

worauf das Buch vor seiner Nase in Flammen aufgeht. Selbst Amerikaner, Briten, Kanadier und Australier, die nicht gelernt haben, in wieviele Teile (fast) ganz Gallien geteilt wurde und bei dem Wort latin eher an Jay-Lo denken, erahnen hier den Sinn mit Hilfe von library und to incinerate.

Die Germanen mussten dagegen ja unbedingt die Varusschlacht gewinnen. Als Folge haben ihre Nachkommen ein eher distanziertes Verhältnis zu Latein. Weil die Sprache fast komplett in der Schule gelernt werden muss, hat sie auch mehr von ihrer Funktion als Bildungsmarker behalten. Das wiederum führt dazu, dass Deutsche mehr Hemmungen haben, mit Latein herumzualbern, denn ein Fehler entlarvt sie als (angeblich) schlecht gebildet. Latein ist in Deutschland eine ernste Sache.

Als nächstes muss man wissen, dass Latein in angelsächsischen Geschichten, TV-Serien und Filmen eine feste Funktion hat: Es verleiht Macht, Würde, Mysterium. Die Humanistin Naomi Chana zitiert im Zusammenhang mit der obigen Buffy-Folge ihren Kollegen Peter Goodrich:

[T]he contemporary function of Latin is rhetorical. It acts as a sign, a figure or trope, the conduit of extremity of emotion. It indicates a charge or condensation around the subject or judgment being delivered.

Wie die moderne Verwendung der alten Duz-Formen des Englischen ist das stellenweise schlicht unlogisch. Warum sollte ausgerechnet die Wicca Willow, also eine bekennende Heidin, die Sprache der Römisch-Katholischen Kirche benutzen? Für sie als Jüdin wäre Hebräisch abgebrachter gewesen. Egal. Wenn es Magie sein soll, ist bei den Angelsachsen Latein angesagt.

Jetzt fehlt nur noch ein Faktor, um erklären zu können, warum man in Deutschland so viel falsches “englisches” Latin sieht: Der Kulturimperialismus.

Denn auf kaum einem anderen Gebiet hat sich das Angelsächsische so durchgesetzt wie bei der Fantasy-Welle. Ob Bücher wie Lord of the Rings oder Harry Potter, TV-Serien wie Buffy oder die billige Kopie Charmed, Kinofilme wie The Last Unicorn oder Conan the Barbarian, Rollenspiele wie Dungeon & Dragons, Computerspiele wie NetHack oder der Abklatsch World of Warcraft, “keltische” Musik wie die von Enya, die Briten und Amerikaner beherrschen diesen Bereich bis zur Ausschließlichkeit. Deutschlands letzte Alben fristen irgendwo in einem Reservat im Schwarzwald ihr klägliches Darsein.

Damit schleppen die Angelsachsen auch jede Menge Latein oder wenigstens Pseudolatein in die Welt. Wenn einem Deutscher heute irgendwo in den Medien Latein über den Weg läuft, ist es entsprechend meist aus einer englischsprachigen Quelle.

Daher würde man selbst dann mehr falsches “englisches” Latein finden, wenn die Fehlerquote in beiden Sprachräumen gleich wäre. Allerdings nimmt dieser Autor an - ohne es belegen zu können - dass die Quote im “deutschen” Latein geringer ist. Nach seiner Erfahrung trauen sich Deutsche nur dann mit Latein aus der Deckung, wenn sie sich ihrer Sache sicher sind. Angelsachsen sind da viel enthemmter.

Daher die Beobachtung von SK. Quod erat demonstrandum.

Natürlich haben die Angelsachsen auch ihre eigene Würfelwerfer-Subkultur. Ihre Ausläufer finden wir im Wahlkampf, bei amerikanischen Latein-Blogs, bei den Mottos der Bundesstaaten und übersetzten Klassikern wie Cattus Petasatus. Und auch dort regt man sich auch über unabsichtlich falsches Latein wie beim Hühnchengeschmack auf. Nehmen wir folgende Diskussion zu der Angel-Folge “To Shanshu in L.A.”:

What is the subject and what is the predicate of Et illi quinque sacrificium est? I made the minimal change and corrected sacrificum to sacrificium, which assumes that sacrificium is the subject (with singular est) and illi quinque is the predicate. If you want illi quinque to be the subject and sacrificium to be the predicate, you need a plural verb.

Das ist, um bei Brian zu bleiben, die gute alte Schule des Romanes eunt domus [YouTube].

Am Ende sollte dieser Autor in diesem Blog trotzdem lieber nur noch Spanisch benutzen. Dazu kam bislang noch kein einziger Kommentar.


ZEUGS: Executive Orders, Sommerzeit ist Blödsinn und Landkarten

10 Nov 2008 13:02:51 | Scot W. Stevenson | Zeugs | Comments

Monty Python muss noch einige Tage warten, denn in der deutschen Presse ist am Wochenende heillose Verwirrung ausgebrochen. Dort stand zu lesen, dass der kommende Präsident Barack Obama sofort nach dem Antritt “Gesetze” von George W. Bush per Verordnung außer Kraft setzen wolle. Äh. Oder per Verfügungen Verordnungen von Bush verwerfen? Erlasse per Gesetz erlassen? Was denn jetzt?

  • Zur Gewaltenteilung: Wie so häufig ist hier die Eigenständigkeit der Exekutive das Problem. Bush hat als Präsident - wie seine Vorgänger auch - Executive Orders (EO) erlassen, etwas, was es Mangels getrennter Exekutive in Deutschland in dieser Form nicht gibt. Nachfolgende Präsidenten können sie genauso leicht wieder aufheben wie sie erlassen wurden. Mit Gesetzen hat das nichts zu tun, denn die EOs sind schwächer. Wo das hinführt, wenn ein Präsident Gesetze außer Kraft setzen darf, sehen wir an Venezuela.
  • Zu der Sommerzeit: Zu den Dingen, die dieser Autor abschafft, wenn er an die Macht kommt - nicht als Präsident, sondern mit einem richtigen Titel wie Gottkönig - gehört der Unfug, im Sommer mit der Uhrzeit zu spielen. Zumindest im Bundesstaat Indiana verbraucht das nämlich zusätzliche Energie statt sie zu sparen:

    We estimate a cost of increased electricity bills to Indiana households of $9 million per year. We also estimate social costs of increased pollution emissions that range from $1.7 to $5.5 million per year.

    Die Autoren gehen davon aus, dass der Effekt in anderen Teilen der USA noch ausgeprägter ist. Außer natürlich in Arizona, wo es keine Sommerzeit gibt.

  • Zur Wahl: Auch bei der Wahlbeteiligung gab es Verwirrung. Zwar ist sie in absoluten Zahlen mit bis zu 128,5 Millionen ein Rekord. Angesichts der schnell wachsenden Bevölkerung ist das aber kein Wunder. Als Anteil sind das dagegen knapp 62 Prozent, weniger als der “moderne” Rekord von 67 Prozent 1960. Historisch unangefochten bleibt die Wahl von 1876 mit 81,8 Prozent. Allerdings durften Frauen, junge Bürger und viele andere mehr damals noch nicht teilnehmen.
  • Zu Minderheiten: Nach den Vietnamesen in Kalifornien weist die Ehrenwerte Mutter auf Tongaer in Texas hin. Die Football-Mannschaft der Trinity High School in Euless veranstaltet entsprechend vor ihren Spiele eine Haka [YouTube], die man sonst von den Kollegen auf Hawaii [YouTube] und den Rugby-Spielern aus Neuseeland [YouTube] kennt. Sehen so Leute aus, die sich mit einem torlosen Unentschieden zufrieden geben?
  • Zu American Football: Natürlich nicht. Entsprechend ist es kein Wunder, dass Football selbst in Mexiko immer beliebter wird. Kulturimperialismus funktioniert halt auch auf Spanisch.
  • Zur Meinungsfreiheit: Es blieb auch in diesem Wahlkampf nicht aus, dass die Kandidaten mit Adolf Hitler verglichen wurden, zum Beispiel Hillary Clinton oder John McCain. Das ist wohl eine Sonderform von Godwin’s Law. Wer glaubt, Obama sei wegen seiner Hautfarbe gegen immun, sollte sich besser Attack of the Killer Tomatoes [YouTube] wieder ins Gedächtnis rufen. Alles nur eine Frage der Zeit.
  • Zu Witze über Obama: Der Komiker Bill Maher ist unglücklich über den Ausgang der Wahl:

    It’s very difficult. We have been spoiled, first with Bill Clinton and then George Bush. And here’s a president now who — he’s not stupid. He’s not angry. He’s not a phony. He’s not fat. He’s not cheating on his wife. Who needs a jerk like that around for the next four years?

    Die Hautfarbe ist für Maher kein Problem: He’s not a black person. He’s the president.

  • Zur direkten Demokratie: Der interessierte Leser TB weist auf die Ballotpedia hin, eine Wiki mit den Ergebnissen der Volksbefragungen.
  • Zur Briefwahl in Oregon: Weil dort alles per Briefwahl gemacht wird, sind vielleicht die Wahlinfos interessant, die jeder Bürger zugeschickt bekommen hat. Das erste Dokument hat 155 Seiten.
  • Zu Literaturempfehlungen: Tony Hillerman ist tot.
  • Zu Halloween: Man kann sich seine Kürbisse auch per Roboter schnitzen lassen. Auch haben wollen!
  • Zu Gang Signs: Für die interessierten Leser, die mehr über the shocker wissen wollen, aber sich nicht trauten zu fragen, hier eine Diskussion darüber in einer amerikanischen Studentenzeitung. Was diesen Autor daran erinnert, dass noch ein Eintrag aussteht, wie Deutsche auf den lustigen Gedanken kommen, die Amerikaner seien Prüde.
  • Zu